Mein kleines wildes Kind

Der Stempel ist immer gleich aufgedrückt. Bei den Kindern und auch bei den Eltern. Das Kind ist schlicht unerzogen und die Eltern sind schlechte Eltern, die ihre Kinder nicht erziehen und nicht sehen, was vermeintlich vor ihren Augen liegt.

Aber, dass da was ganz anderes dahintersteckt, möchte keiner sehen. Nicht jedes Kind passt in eine Schublade.

Man sollte nicht einmal im allgemeinen Menschen in eine Schublade stecken. Aber da geht’s genau schon los. Ist ein Erwachsener grantig, weil er Hunger hat, ist das völlig legitim. Er ist ja schließlich erwachsen. Ist ein Erwachsener schlecht gelaunt, weil er viel Stress in der Arbeit hat, ist das selbstverständlich wichtig und hat auf jeden Fall Vorrang vor allem. Weil? Genau, weil er ein Erwachsener ist.

Seit wann sind Kinder eigentlich nicht gleichwürdig zu Erwachsenen?

Gleichwürdigkeit:
bedeutet (vielmehr), dem Kind zu vermitteln,
dass Menschen jeden Alters von gleichem Wert sind.
Man respektiert gegenseitig die persönliche Würde und Integrität.
Viele Eltern wurden in ihrer eigenen Erziehung als Objekt behandelt.

(Quelle:https://ratgeber.xtme.de/vier-werte-in-der-
erziehung-nach-jesper-juul/)

Ich habe schonmal darüber geschrieben, dass jedes Kind quasi ein weißes Blatt ist, das beschrieben werden muss. Und zwar durch uns. Durch uns Eltern und deren eigene Erfahrungen, die sie auch machen dürfen müssen.

Ein Kind hat Hunger und kompensiert. Es wird laut oder quengelig. Oder einfach beides. Er kommuniziert. Nur weil uns der Umgang mit dem Gefühl oder dem Zustand nicht gefällt, ist doch unser Kind nicht gleich unerzogen oder verdient den Stempel „mit dem stimmt was nicht“.

Das Gleiche gilt für Babys. Die stehen eigentlich fast noch besser da. Ist ein Baby hungrig, weint es und quengelt. Und? Wir geben ihm was zu essen. Kaas bissn.

Stehen wir an der Kasse im Supermarkt und weint ein Baby vor lauter Hunger, lächeln alle emotional und höchst berührt. Sie flüstern ganz fröhlich und liebevoll über dieses junge Ding „Achjee, hast du Hunger, du kleiner Schatz?“.

Wenn allerdings ein 3, 5 oder 8-jähriger Hunger hat, müde ist oder unausgeglichen, aus welchen Gründen auch immer und dies dann auch noch ganz frech kommuniziert, (Sprechpause) ….dann wird das Ganze gleich so derart globalisiert; es bekommt eine ganz neue Dimension an Dramatik. Es steht plötzlich ein katastrophales Ausmaß an Unzulänglichkeit im Raum und ruft die größte Empörung hervor.

Aber warum denn eigentlich?

Kommen wir zu dem weißen Blatt zurück, dass von uns beschrieben werden muss.

Es ist unsere Aufgabe. Die Aufgabe von uns Eltern, unseren Kindern zu zeigen, wie man mit Gefühlen und Situationen umgeht. Und warum darf denn ein Kind nicht müde sein und dies kommunizieren? Ich bitte darum. Das nimmt mir doch auch ein Stück Arbeit ab. Statt zu erraten, was los ist, kommuniziert dieses Wesen ganz einfach und zack bum, es kann Abhilfe geschafft werden.  

Klar, im Supermarkt ein super ungünstiger Zeitpunkt. Aber muss ich denn mit meinem hungrigen oder mega übermüdeten Kind unbedingt jetzt in den Supermarkt gehen?

Noch nicht einmal Erwachsene reißen sind ´zam. Sie lassen munter und lustig ihre Launen an allen Menschen raus, die ihnen gerade über den Weg laufen. Und es wird geduldet. Gerade von einem Erwachsenen erwarte ich, dass er sich zam´reißt und nicht alles ungefiltert rauslässt. Und warum? Weil er das hoffentlich in seinen Jahren gelernt hat. Und sich auch ausdrücken kann. Und sogar selbständig einfach essen oder schlafen gehen kann. Und weil Erwachsene keine Neandertaler sind, sondern verständlich kommunizieren können, bzw. sogar sich selbst Abhilfe schaffen können. Ausserdem haben sie hoffentlich respektvollen Umgang und Manieren gelernt. Mega.

Was die Frau im Supermarkt, in der Warteschlange an der Kasse heute sieht, sind ein 5-Minuten-Auszug aus meinem Leben. Sie sieht in 5 Minuten, dass es meinem Sohn gerade schlecht geht und er bekommt den Stempel „unerzogen“ und ich „blöde Mutter-Kuh“ aufgedrückt. Und das nur, weil ich meinen Sohn nicht hart anpacke und ihn zur Zucht und Ordnung zurechtweise. Sondern sein Befinden verstehe, kurz einkaufe, weil ich vielleicht schon Tage lang nichts mehr eingekauft habe, da mein Kind schon Tage lang krank ist und ich niemanden habe, der mir Essen einkaufen könnte.

Und dann gehen wir wieder nach Hause und ich kümmere mich um die Bedürfnisse von meinem Sohn.

Zudem haben wir mal einen kurzen Tapetenwechsel gebraucht, da wir ja schon tagelang Zuhause in der Wohnung rumsitzen. Und wir wollten auch kurz die Gelegenheit nutzen und frische Luft schnappen.  Das alles sieht man aber nicht in diesen 5 Minuten an der Kasse.

Ich bin mir sicher, dass es auch Mütter gibt, die ihren Job als Mutter nicht so gut machen, weil sie es nicht besser wissen und vielleicht keine Hilfe haben oder überfordert sind. Der Punkt ist, nicht zu voreilig einen Stempel aufzudrücken und nicht zu voreilig Menschen in eine Schublade zu stecken.

Sehen wir uns die Medaille doch mal von der anderen Seite an.

Ja, mein Sohn ist wild und laut. Er ist temperamentvoll. Er ist sehr emotional und er ist auch sensibel. Aber ist das so schlecht? Wollen wir nicht emotionale und sensible Männer, die uns Frauen verstehen, die Empathie besitzen. Und das nicht nur uns Frauen gegenüber. Sondern auch allen anderen Menschen gegenüber? Na doch, das wollen wir dann auch wieder. Aber bitte erst wenn die Kinder groß sind, oder wie?

Manchmal habe ich das Gefühl, wir wollen alle Kinder, weil ja, Babys toll sind. Wir wollen eine Familie gründen. Wir wollen unsere Nachkommen. Aber keiner hat sich je Gedanken darüber gemacht, dass das auch Arbeit ist und sagt, „Ja, ich werde meiner Aufgabe nachkommen“.

Kinder sind ja schön und gut, aber man muss sich um sie kümmern. Begleiten, leiten und ihnen beistehen. Das ist Arbeit. Es ist sehr viel Arbeit, Kinder groß zu ziehen. Sie kommen nicht fertig „erzogen“ auf die Welt. Sie können erstmal nichts und wissen erstmal nichts. Sie kennen keine Manieren und keinen Respekt. Sie kennen keine Grenzen und sie kennen keine Verhaltensregeln. Wir müssen ihnen das schon erstmal alles zeigen und beibringen.

Allerdings steht das nicht im Handbuch für „Kinder kriegen – Was bedeutet das genau“ (Mensch, wo hab ich dieses Buch nur hingelegt, ich hab’s doch neulich erst gesehen). Dennoch haben wir eine Verantwortung unseren Kindern gegenüber und auch wenn wir erst später merken, was es eigentlich bedeutet, wäre es gut, wenn wir unseren Erziehungsauftrag vollumfänglich annehmen und ernst nehmen würden und uns um unsere Schützlinge ordentlich kümmern.

Unsere Kinder können und lernen nur so viel, wie wir Ihnen beibringen, zeigen und vorleben.

Auch ich bin gewillt, diesen Auftrag anzunehmen. Ich freue mich auf diese Arbeit und ich möchte sie machen. Sehr gerne sogar. Und ich bin kein Idiot, ich weiß, wie hart und schwierig das manchmal ist. Es bringt uns an unserem Grenzen. Und es verlangt uns viel ab. Dennoch möchte ich mich dieser Arbeit annehmen. 

Das alles hört sich jetzt vielleicht nicht so schön an, aber Kinder zu haben ist wundervoll. Sie geben auch was zurück. Diese Liebe die man nur als Mutter empfindet. Man lernt soviel von ihnen. Sie zeigen einem die Welt aus einer anderen Perspektive und stellen unser Leben auf den Kopf. Einfach toll, ich will nicht tauschen.

Tricky wirds an der Stelle, wo wir das, was wir vorleben sollen, ja auch erstmal selber richtig machen müssen. Ja verdammt, da werden wir mit uns selber konfrontiert, wie nirgends anders. Mit unseren schlechten Manieren und mit unseren „Macken“ – verdammt! Es ist einfach, jemandem zu sagen „lass dies“,  „tu dies“ „sei nicht immer so…“ und „jetzt so, wie ich will“. Aber sich selber in dieses „Schema“ reinpacken lassen, is ja mal voll blöd.

Ja und woher haben es die „Erwachsenen“? Ja genau, wiederum aus ihrer Erziehung. Und bei Gott, damals war die Kindererziehung mal was ganz anderes als heute. Hätten sich die Kinder damals, wie unsere heutigen Nachkömmlinge aufgeführt, ich denke, da hätte es viele „Verletzte“ gegeben. Ständig wäre ein Kind über den Esstisch geflogen oder bis China. Das stand gar nicht zur Debatte, autoritär oder nicht. Es gab nur autoritär. Punkt.

Dennoch haben WIR heute einen Erziehungsauftrag und so, tschuldigung „beschissen“ es früher gewesen sein mag, wir müssen den Kreislauf einfach durchbrechen und es heute besser machen.

Das bedeutet, ich muss mich vermutlich auch ändern. Meine Glaubenssätze. Mein Erziehungsansatz. Meine Verhaltens-muster. Was ich? Oh, hoppla…. Weniger fluchen, ehrlich sein, ordentlich sein. Das richtige tun. Meine Einstellungen ändern, zu Kindererziehung oder zum Leben. Puhh… was denn noch alles?! Ganz schön viel Arbeit. Aber von unseren Kindern erwarten wir das ja schließlich auch.

Mein Großer. Mein lieber, wundervoller Großer, ist ein tolles Kind. Er ist emotional und gefühlvoll. Er ist willensstark und hat eine gesteigerte Wahrnehmung. Er ist interessiert und er begeistert sich z.B. sehr, für Dinosaurier und Autos. Er weiß fast alles darüber. Er kennt die größten Dinosaurier und die schnellsten Autos. Wenn er eine Frage hat oder wenn ihn etwas Spezielles interessiert, frägt er mich, ob er das schnell „googeln“ darf. Ja, darf er. Ist das nicht wundervoll. Das ist eigentlich ein Verhalten von Erwachsenen. Er möchte etwas nachlesen. Und tut es. Das ist doch fantastisch.

Mein Großer besitzt Empathie und Einfühlungsvermögen. Er ist aufmerksam und lebendig. Lebensfroh und leidenschaftlich. Ich finde, das sind alles positive Eigenschaften. Wie er mit seiner Wut umgeht – welches jedes andere Kind auch empfindet – liegt ganz bei mir und ist selbstverständlich nicht immer vorzeigewürdig. Natürlich nicht. Aber da setze ich an. An der Stelle beginnt mein Auftrag.

Er mag vielleicht nicht so gerne Regeln (Na? Wer von Euch mag schon Regeln?) und er mag nicht so gerne von der Gartenmauer runter gehen, wenn ich es sage. Und er mag auch manchmal einfach kurz raus in den Garten um frische Luft zu schnappen, obwohl ich es gerade nicht will. Aber brauchen wir Erwachsenen das nicht auch manchmal? Frische Luft?!

Mein Mann ist auch so ein Freigeist. Bei ihm ist es ok.

Wie fänden wir es, wenn uns grad der Kragen platzt, aus welchen Gründen auch immer, weil wir sauer sind, weil uns zu heiß ist, oder wir genervt sind – und dann sagt einer, NEIN! du darfst jetzt nicht „raus gehen“. Das ist doch total ungesund. Und unmenschlich. Ich finde das unmenschlich.

Und solange keine Gefahr besteht, in dem, was unsere Kinder tun (und es besteht keine Gefahr darin, dass er kurz auf die Terrasse geht um frische Luft zu schnappen) und solange es im Rahmen ist, solange werde ich mein Kind frei sein lassen und selbst bestimmen lassen, um sich auch ein Stück weit zu nehmen, was er braucht. Und ich rede hier von existenziellen Bedürfnissen, NICHT DAVON, dass er sich willkürlich mit Schokolade vollstopfen darf oder im Spielzeuggeschäft Spielsachen klauen darf.  Oder einfach über die Straße rennen darf, etc.

Im Umkehrschluss, hat mein Sohn in dem Moment nämlich schon etwas Bedeutendes gelernt; er hat Hunger und kann dies kommunizieren und richtig reagieren. Oder ist müde und kann dies auch kommunizieren. Er hat gelernt, auf ein Gefühl angemessen zu reagieren. Er geht raus, statt rumzuschreien oder zu hauen. (wäre gut, wenn er an der Stelle noch kurz Bescheid geben würde, dass er jetzt schnell raus muss, aber daran arbeiten wir).

Wenn ich meinen Großen (5) frage, ob er müde ist, sagte er bisher immer sofort nein. Aus Angst, es würde sich negativ auswirken. Totaler Quatsch. Denn ich zwinge meine Kinder zu nichts. (jajaja,… ich höre schon die aufschreienden Stimmen. Moment, ich bin noch nicht fertig!).

Er dachte, wenn er sagt, dass er müde ist, würde ich ihn ins Bett bringen. Und auch er gehört zufällig zu der Kategorie „Nachteule“ und auch so, wie die meisten anderen Kinder auch, zur Kategorie „Ich will nichts verpassen, schlafen ist blöd“, aber auch nur solange, bis sie halt einfach auch mal wirklich müde sind und schlafen müssen.

Heute kann ich sagen, „Man, heute bin ich mal müde“ und mein Großer gibt es jetzt auch zu, wenn es so ist. Er sagt dann „Ich auch, Mama“. Heute z.B. war es so. Dann habe ich gesagt, „Heute werde ich wohl früher ins Bett gehen“. Und „Ist ganz schön anstrengend, wenn man müde ist, gell“, er bestätigte.

Ich sehe das als Fortschritt.

So zeige ich ihm Gefühle wahrzunehmen und einzuordnen. Und auch, dass nichts schlecht daran ist, wie man sich fühlt. Jedes Gefühl ist ok. Sauer, wütend, traurig, glücklich. Müde. Es geht darum, wie er damit umgeht. Seine Mitmenschen hauen oder Spielsachen kaputt machen, geht nicht und ist nicht richtig.

Unsere Kinder brauchen unsere Unterstützung und Fürsprache. Ich lebe es vor und sie haben die Chance, es richtig zu lernen.

Damit will ich nicht sagen, dass ich perfekt bin. Das bin ich nicht und das will ich auch nicht sein. Das ist auch nicht nötig und völlig unrealistisch. Wer perfekt ist, hat keine Persönlichkeit.

Wir können das Richtige anstreben, aber perfekt sein ist unnatürlich. Was soll denn eine perfekte Mutter sein? Ein Ja-Sager? Oder ein Nein-Sager? Man kann nicht streng nach Erziehungs-Protokoll leben. Wo ist da der zwischenmenschliche Aspekt. Das zwischenmenschliche Verständnis und das Gefühl.

Ich will authentisch sein. Klar. Verständnisvoll. Geduldig. Und ein gutes Vorbild. Und die Bedürfnisse meiner Kinder erkennen, für sie da sein und ihnen beistehen. Aber ich möchte ihnen auch ihre Grenzen aufzeigen.

Ich habe mal was gelesen, das passt grad ganz gut:

„Wenn kleine Leute
überwältigt sind, von ihren großen Gefühlen,
ist es unser Job, unsere Ruhe mit ihnen zu teilen
und nicht uns ihrem Chaos anzuschließen.“

Und die Erklärung gibt’s gleich dazu, besser könnte ich es nicht ausdrücken:

„Unsere Kinder stehen gerade erst am Anfang,
die Welt zu entdecken und zu begreifen.“

Quelle: https://unverbogenkindsein.de

So, meine Lieben, das ist glaube ich ein schöner Abschluss. In diesem Sinne noch eine schöne Woche.

Ich gehe jetzt zu meinen wilden Kindern und spiele was mit ihnen (Ich hab den Artikel heute Nachmittag geschrieben, jetzt geh ich definitiv ins Bett :-))

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2 Kommentare zu „Mein kleines wildes Kind

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